Haitis Armut

Nachdem Haiti durch die Erdbebenkatastrophe in die Schlagzeilen geraten ist, habe ich mich gefragt, warum denn Haiti überhaupt so arm ist. Es gehört – als einziges Land außerhalb Afrikas und Asiens – zu den 50 am wenigst entwickelsten Ländern (den »Least Developed Countries«). Zum Vergleich mit dem Nachbarland die Durchschnittseinkommen pro Jahr: Haiti $630 und Domikanische Republik $4,147. In Haiti leben 80% der Menschen unter der Armutsgrenze – und das schon vor dem Erdbeben.

Da die beiden Nationen auf der selben Insel liegen, sollten sie doch eigentlich ähnliche Voraussetzungen haben. Um die Unterschiede zu finden, muss man jedoch in die Vergangenheit blicken: Kolonisierung durch Spanien und Frankreich, Unabhängigkeit ab 1804; 1844 trennte sich der Ostteil als Dominikanische Republik ab. Diktatoren, Despoten und Korruption gab es in beiden Ländern danach gleichermaßen.
Der Anfang der Schulden bildet die Anerkennung Haitis durch Frankreich aus 1825. Frankreich verlangte dafür von Haiti Ausgleichszahlungen; schließlich gingen wertvolle Sklaven verloren. Verlangt wurden für dieses „frei kaufen“ mit Zinsen umgerechnet etwa 22 Milliarden Dollar. Dies musste Haiti (nach der Abspaltung der Dominikanischen Republik) allein abzahlen. Es dauerte bis 1947 – ganze 122 Jahre – bis diese Schulden an Frankreich bezahlt wurden. Der Aufbau von Infrastruktur konnte nur langsam voranschreiten, da bis zu 80% des gesamten Budgets für das Abzahlen der Schulden verwendet wurde. Doch das war nicht genug, es mussten auch immer wieder Kredite von verschiedenen Ländern aufgenommen werden. Das führte dazu, dass Haiti 2008 immer noch $1,8 Milliarden Schulden hatte und nur durch einen großen Erlass der Schulden konnte dies 2009 auf $641 Millionen reduziert werden.

Doch wie geht es jetzt weiter? Durch das Erdbeben braucht Haiti Geld, viel Geld. Einige Länder fordern Schuldenerlass (Frankreich, Kanada) oder wollen selbst Schulden erlassen (Italien). Doch das dauert, Haiti muss daher Kredite aufnehmen. Dder Internationale Währungsfond hat schon einen Kredit von mehr als $100 Millionen genehmigt. Und dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben, mehr Kredite werden aufgenommen. Aber Kredite hören sich doch ganz okay an, schließlich gibt es für arme Länder meist keine bis wenig Zinsen und immer wieder Schuldenerlässe.

Für jeden Kredit und jeden Schuldenerlass muss Haiti auch zeigen, dass sich etwas im Land verbessert. Eigentlich auch verständlich, aber wie genau das funktioniert und welche „Verbesserungen“ das sind, will ich am Beispiel des Schuldenerlasses durch den IMF von $1,2 Milliarden von 2009 zeigen. Die Schulden wurden erlassen, weil eine HIPC-Initiative (siehe Wikipedia) erfolgreich abgeschlossen wurde. Das ist ein Programm für stark verschuldete Entwicklungsländer das 1996 gestartet wurde und an dem Haiti teilnahm. Hört sich immer noch gut an, insgesamt wurden $1,2 Milliarden Kredit an Haiti vergeben, um das Land zu „entwickeln“.

Ausgehandelt wurde die HIPC-Initiative mit Haitis damaligen Exil-Präsidenten Aristide im August 1994. Er wurde 1990 gewählt jedoch schon 1991 durch einen Militärputsch gestürzt. Er versprach die Reformen umzusetzen, sobald er wieder an die Macht kommen sollte. Ob der Einsatz der US-Militärs und die dadurch ermöglichte erneute Präsidentschaft von Aristide nur einen Monat später Zufall ist, wage ich zu bezweifeln.
Unmittelbar danach begann Aristide mit Privatisierungen. Unter anderem wurden die See- und Flughäfen, Telekommunikation und Elektrizität privatisiert. Und das alles, obwohl der Premierminister Haitis schon 1995 zugab, dass der Großteil der Bevölkerung gegen Privatisierungen ist, es sogar als einen Fluch ansehen.

Ab 1996 starte offiziell die HIPC-Initiative: Weitere Privatisierungen, ein Verringern der Zölle und Lohnsenkungen. Durch die geringen Zölle (bzw. für Importe aus den USA gar kein Zoll) wurde der lokale Markt durch billige US-Nahrung überschwemmt und hat die eigene haitanische Landwirtschaft stark beschädigt. Verstärkt wurde das 2001 durch die, von den USA initiierten Amerikanische Freihandelszone (FTAA).

Es wurden als Gegenleistungen für die Kredite und Schuldenerlasse also durchgehend neoliberale Reformen umgesetzt. Reformen die den multinationalen Konzernen und Unterzeichnern der Verträge helfen und kaum der Bevölkerung.

Haitis Armut fängt also mit den kolonialen und post-kolonialen Ansprüchen von Frankreich an und ist derzeit bei den Machtspielen des Internationalen Währungsfonds angelangt.

Quellen:
Berichterstattung durch Rachel Maddow
Geschichte Haitis
Geschichte der dominikanischen Republik
IMF und Haiti
Zusammenfassung der Entwicklungen in Haiti von History Commons

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4 Antworten to “Haitis Armut”

  1. stefon Says:

    sehr gute und wichtige beobachtungen! danke fürs zusammenfasst und verbreiten!

  2. Sebastian Says:

    Interessanter Artikel. Haiti ist da sicher nicht das einzige Beispiel…

  3. Thomas Says:

    Sehr interessant!

  4. Marie Says:

    wircklich wichtige informationen danke ich bin nämlich adoptiet aus haiti und weis nun mehr über mein Land thx

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